Berliner Stadtmusikanten mit iPads: „Operation Straßenmusik“

Berliner Stadtmusikanten mit iPads: „Operation Straßenmusik“

Wir Musiker des DigiEnsemble Berlin, die mit Tablets und Smartphones musizieren, experimentieren ja ständig mit Möglichkeiten und Grenzen unseres digitalen Instrumentariums und haben zur Abwechslung eine Street Performance abgeliefert. Viele Passanten blieben stehen und schauten uns amüsiert, manchmal auch etwas irritiert zu. Neugierige wollten mehr über unsere Aktion erfahren. Was die Publikumsreaktionen angeht, unterscheidet sich also die Straße kaum vom Konzertsaal. Die Reporterin Shirin Weigelt von Radio Fritz hat uns bei unserem Ausflug ein Stück begleitet:

Hört doch mal rein!

Wetten, nach 10 Minuten ist Schluss!

Samstagvormittag, 21. Juli 2012. Mit unserem iPad-, iPod- und Android-Smartphone-Instrumentarium treffen wir uns zu zehnt auf dem Alexanderplatz. Mit dabei iPad-Stative, Instrumentenkabel und mittelgroße (batteriebetriebene) Keyboardverstärker, an denen wir Gitarrengurte angebracht haben, um sie über den Schultern tragen zu können. Es ist keine Sponti-Aktion. Matthias schwört uns schon länger auf das Experiment ein: „Lasst uns, ganz ohne aufwändiges Equipment, auf Berlins Straßen unser neues Programm aufführen!“ Seit ein paar Wochen proben wir eine Anzahl an Stücken mit neuen Spieltechniken, die es uns erlauben, virtuosere Musik zu spielen. Außerdem soll das Publikum nach Möglichkeit in die Performance miteinbezogen werden.

Fotos:  Sven Ratzel und Johannes Püschel

Ist es nicht verboten auf öffentlichen Plätzen mit Lautsprecherverstärkern Musik zu machen? Tim wettet 10 €, dass in 10 Minuten die Ordnungsmacht auf den Plan tritt. Uwe ist optimistischer und hält dagegen, er gibt uns eine Gnadenfrist von 40 Minuten. Ohne Verstärker sind unsere mobilen Hosentascheninstrumente natürlich witzlos. Welche Wahl haben wir also? Doch ganz unerwartet sind wir schließlich den halben Tag in musikalischer Mission unterwegs.

Musizieren mit Tücken

Zunächst mussten wir uns mit der ungewohnten Situation anfreunden. Anfangs spielten wir noch verhalten. Aber mal  für mal wurden wir mit unserem neuen Stücken lockerer – wie übrigens auch die Zuschauer.

Musikalisch waren wir mit unserer Darbietung noch nicht so zufrieden. Gar nicht so einfach, die Premiere für unser neues Repertoire bei Wind und Wetter auf der Straße zu feiern. Die Sonne zeigte sich selten, doch wenn sie es tat, konnten wir unsere digitalen Spieloberflächen kaum mehr erkennen (wegen der Spiegelungen und der begrenzten Displayhelligkeit). Daher bauten wir uns also unter der S-Bahn-Brücke am Alex auf. Dort ließ uns allerdings ein frischer Windzug ordentlich frieren, mitten im Sommer und trotz Jacken. Passant @Duerrbi hat diesen eisigen Moment mit einem Foto festgehalten. Vielen Dank!

Am besten kamen bei den Leuten unsere klassische Streicher-Version des Volkslieds „Guter Mond“, die Fuge von Fux und der Poptitel „I Follow Rivers“ an. Das Impro-Stück (à la Händel) und der Rocktitel „Word Up“ enthalten auch starke Momente, aber setzten sich klanglich nicht wie gewohnt auf der Straße durch. Es gab eigenartige Probleme mit dem Synthesizer-Klangteppich. Normalerweise ist Svens und Tammins Geräuschkulisse sehr wirkungsvoll, auf der Straße dagegen fast unauffällig. Auch „Word Up“ fehlte so recht die Durchschlagskraft wegen des fehlenden Bass/Percussion-Punchs. Unser neustes Experiment, die neun-stimmige Renaissance Suite von Allegri (aus dem 17. Jahrhundert) hat im Freien nicht überzeugen können. Hier benötigen wir noch zu viel Konzentration für die neuen Spieltechniken. Unser Spiel wird zwar virtuoser und expressiver, dafür ist der Übungsaufwand auch enorm. Insgesamt kann man aber sagen, dass eine gute Mischung aus Best of Pop und klassischer Musik auch auf der Straße gut funktioniert.

Batterien leer?

Immerhin, technisch hatten wir keinen Totalausfall zu beklagen. Irritierend war, dass die Lautsprecher, besonders gegen Ende, nicht mehr wie am Anfang klingen wollten: Lautstärkenschwankungen trotz zwischenzeitlichem Batteriewechsel. Vielleicht lag es an der Akustik der verschiedenen Spielorte. Das sollten wir im Auge behalten. Die Batterien unserer Spielgeräte hielten bei voller Displayhelligkeit bis zuletzt ohne Probleme durch. An Musik-Apps brachten wir DM1, ThumbJam, GeoSynth, SoundPrism Pro, iKaossilator, GarageBand, SampleTank, Alchemy, Animoog, Nodebeat (für Android) und Bebot zum Einsatz.

Die Spielroute

Losging es unter den S-Bahn-Bögen neben der Weltzeituhr am Alexanderplatz. Unter der Brücke spielten wir nicht nur unser erstes Geld ein, sondern wurden auch von einer Straßenkünstlerin mit einem handgemalten Cartoon beehrt. Offenbar befand sie uns für würdig und schrieb gleich noch eine Widmung dazu.

Bild der Straßenkünstlerin (Detail)

Unsere zweite Station hieß Hackescher Markt. Vor einer Pizzeria bot sich uns eine gut sichtbare Bühne an. Leider war das Lokal zu der Zeit schwach besucht. Weiter ging es zur Museumsinsel. Gleich beim ersten Song versammelt sich ein klasse Publikum. Leider vertrieb uns ein Platzhüter: Vorschriften zum Lärmschutz der Marktbetreiber? Also zogen wir mit unseren Verstärkern und Instrumenten-Stativen weiter und stationierten uns diesmal vor dem Berliner Dom. Dort spielten wir vor einer begeisterten Menge zwei komplette Sets hintereinander. Schließlich landeten wir unweit des großen Springbrunnens unter dem Fernsehturm direkt vor dem Roten Rathaus. Umgeben von Rosensträuchern versammelte sich schnell eine Publikumstraube. Neugierige schauten uns über die Schultern und lauschten ganz gespannt den klassischen Stücken.

Was haben wir im Hut?

Das eingenommene Geld muss man, gemessen an der Größe des aufmerksamen Publikums, als eher bescheiden einstufen. Dafür sind uns aber auch noch gröbste „Straßenmusiker-Fehler“ unterlaufen. Wer traut sich beim nächsten Mal, mit dem Hut herumzulaufen? So ein „Hut“ sollte  übrigens stilsicher ausgesucht sein. Omas Keksdose bleibt besser Zuhause.

Fotos: Johannes Püschel und Sven Ratzel

Trotz der unterschiedlichen Publikumsreaktionen gab es kaum einen, der auf Hörweite vorbeikam und uns überhaupt keine Beachtung schenkte. Sicher ist, uns Musikern hat der musikalische Ausflug „ins Blaue“ viel Spaß bereitet – vor allem, als vor dem Berliner Dom die Sonne endlich herauskam und uns viele Passanten im Lustgarten zuhörten.

Die intensivsten Momente waren das gefühlvolle dirigieren mit viel Mimik im Gesicht von Daniel, Matthias’ Gitarrensolo im Impro-Teil, einige Partymoves von Sven, die sphärische Stelle bei „I Follow“ oder Johannes’ Einsatz bei „Word Up“. Allerdings wollte sich nicht immer bei uns allen das Gefühl einstellen, total „im Flow“ zu sein. Die Gründe dafür müssen wir noch herausfinden. Jedenfalls war es eine tolle Gemeinschaftsaktion mit der ganzen Band und guter Laune durch Berlin zu streifen, auf der Suche nach gut bespielbaren Plätzen und erwartungsvollen Passanten.

Wiederholung

„Wir könnten uns theoretisch jeden Donnerstag eine halbe Stunde auf die Straße stellen und Auftrittserfahrung sammeln“, meinte anschließend Johannes. Dies sollte uns insgesamt lockerer machen, gerade auch vor großen Bühnenkonzerten. Die Straße lockt das Spielerische aus dem Bauch heraus. Außerdem ist es ein exzellentes Experimentierfeld, um Neues auszuprobieren. Vor allem, wie wir das Publikum besser in unsere Performances (vielleicht sogar aktiv) einbeziehen können. Der nächste Termin ist bereits abgestimmt. Nun muss nur noch das Wetter mitspielen. Wir geben’s kurzfristig über Facebook Bescheid.

(Ein Bericht von Johannes und Matthias)

- Aktuelle Infos, Videos und Fotos findet ihr unter www.digiensemble.de oder auf Facebook -

Ombra Mai Fu – Opernarie mit Smartphones

Die Musikerinnen und Musiker des DigiEnsemble Berlin haben bereits in zahlreichen Musikprojekten gezeigt, wie mit Smartphones und Tablets, insbesondere mit iPod, iPhone und iPad, musiziert werden kann. Da die Mitglieder des DigiEnsembles je eigene musikalische Hintergründe besitzen – vom klassisch ausgebildeten Musiker über Rockmusiker bis hin zum DJ ist alles vertreten! –, entstehen ganz unterschiedliche Ergebnisse. Dies bezeugen eine ganze Reihe von Videos, die auf Youtube veröffentlicht wurden sowie Workshops zum Thema und viele Konzerte.

Klassisches Instrumentarium

Speziell für das Konzert der Gala zum 30-jährigen Bestehen der Stiftung „Menschen für Menschen“ von Karlheinz Böhm im Dezember 2011 stellte sich das DigiEnsemble die Aufgabe, eine klassische Konzertarie mit Smartphones zu spielen.  Nach einigen Recherchen fiel die Wahl auf „Ombra Mai Fu“ von Georg Friedrich Händel aus der Oper „Serse“ (Xerxes). Hierfür mussten die Noten an das App-Instrumentarium angepasst werden. Als Sängerin konnte die Sopranistin Anna Gütter für dieses Unterfangen gewonnen werden.

Q:Youtube/DigiEnsemble

Für die Realisierung der Begleitung wählte das Ensemble das App-Instrument „ThumbJam“ für iPod/iPhone/iPad aus, mit dem schon in anderen Produktionen sehr gute Erfahrungen gemacht wurden. Wie schon in einigen Videos demonstriert (siehe hier), lassen sich die Klänge zum Beispiel in ihrer Lautstärke durch Heben und Senken des Smartphones steuern, was das Spiel musikalisch macht. Als Instrumentenklänge wurden klassischen Instrumenten ähnelnde Samples gewählt, um den Klangcharakter der Komposition zu bewahren. Der Originalbesetzung des Stückes (zwei Violinen, Viola, Cello und Kontrabass) wurden Oboe und Orgel hinzugefügt. Der Fokus bei der Erarbeitung der Interpretation war auf das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Musikern gerichtet. Besonderer Wert wurde, soweit wie eben auf Smartphones möglich, auf Phrasierung, Dynamik und Artikulation gelegt. Durch die vertrauten Instrumentenklänge konnte das Ensemble in der musikalischen Gestaltung auf die Hörerfahrungen seiner Musiker zurückgreifen. Die musikalische Leitung übernahm Uwe.

  • Wie gefällt Ihnen diese Interpretation?

Das Video wurde am 14. Dezember 2011 im Kammersaal der Universität der Künste Berlin aufgezeichnet. Gestaltungsidee war, einerseits eine der Arie angemessene Stimmung zu erzeugen und andererseits die Art des Smartphone-Musizieren abzubilden. Anna singt einfach großartig! An der Videoproduktion  waren Lukasz Fabijanczyk und Matthias Krebs (Regie/Schnitt), Sandra Hübner und Gösta Oelstrom (Kamera) sowie Till Rotter (Ton) beteiligt. Dafür einen herzlichen Dank.

  • Wie gefällt Ihnen das Musikvideo?

Das Ensemble interessiert sich sehr für Ihre Meinung zu diesen Versuchen. Nutzen Sie das Kommentarfeld unter diesem Artikel, schicken Sie uns eine Mail oder sprechen Sie uns bei einem Konzert persönlich an! Fragen zur Realisierung beantworten wir Ihnen gern!

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Zur Zeit probt das DigiEnsemble an fünf Musikstücken, die zum Teil Richtungen oder Konzepten folgen, die wir bisher noch nicht probiert hatten. Schon Ende Februar/Anfang März sollen diese Stücke in Konzert Uraufgeführt werden. Gleichzeitig wird fieberhaft an einem neuen Musikvideo geschnitten: Wir spielen Soul.

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iPhone in Concert – Mit dem Smartphone auf großer Bühne

In den letzten Monaten sind keine neuen Artikel auf diesem Blog erschienen. Nichtsdestotrotz wurde das Thema Musikmachen mit Smartphones und Tablets mit einigen engagierten Projekten kontinuierlich weiterentwickelt. Das DigiEnsemble Berlin hat unter der Leitung von Matthias Krebs seit September eine ganze Reihe von Konzerten mit iPhone, iPod touch und iPad gespielt. Dabei wurden die Konzerte immer auch für Uraufführungen mit unterschiedlichen musikalischen Herausforderungen genutzt. Den Höhepunkt bildete ein Auftritt beim Neujahrskonzert des MDR. Im gemeinsamen Dialog mit dem MDR Sinfonieorchester unter Jun Märkl spielten drei Solisten des DigiEnsembles das bekannte Stück “Morgenstimmung” von Edvard Grieg auf ihren Smartphones.

Hier nun im Rückblick ein paar Eindrücke von den aufwendigeren Veranstaltungen:

Symposium und Soundwalk „Refléts“ | Internationales Klangkunstfest Berlin

13. Oktober 2011, Berlin

Bei dem Stück “Im Fluss” handelt es sich um eine Komposition, die von dem Klangkünstler Thomas Gerwin extra für das DigiEnsemble Berlin geschrieben wurde. Die Idee des Stücks ist es, statt Samples von herkömmlichen Instrumenten wie Geige, Cello usw. konkrete Klänge – hier Wassergeräusche – instrumental zu verwenden. Jedem Smartphone-Instrument stehen acht unterschiedliche Klänge zur Verfügung, die anhand der graphischen Partitur über vier Lautsprecher im Raum zum Klingen gebracht werden. Die Spieler improvisieren die Richtung, aus der die Geräusche kommen, im Zusammenspiel.

Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Stiftung „Menschen für Menschen“ von Karlheinz Böhm

12. November 2011, München

DiEn_Muenchen_2011

Im Musikprogramm für die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen der Stiftung „Menschen für Menschen“ von Karlheinz Böhm stellten die Musiker des DigiEnsemble ein Medley aus einem klassischen Stück (St. Anna), einem elektronischen Beat und dem Song “I Need A Dollar” vor. Außerdem feierte ein Duett (Arrangement) Premiere nach der berühmten Arie “Ombra Mai Fu” von Georg Friedrich Händel mit den beiden Opernsängern Anna Gütter und GyunSeok Han.

Drei Solisten des DigiEnsembles spielen Griegs Morgenstimmung

1.1.2012, Leipzig

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“Wir sind uns dessen bewusst, dass eine herkömmliche ‚Oboe‘ besser klingt und differenzierter gespielt werden kann. Es ging uns aber nicht um den Kontrast Oboe <–> Smartphone-Oboe, sondern um den direkten Dialog zwischen Smartphone-Instrumenten und dem Orchester. Wir haben das Stück “Morgenstimmung” gewählt, weil in diesem Stück das Miteinander bzw. der Dialog zwischen Solo und Orchester besonders deutlich hörbar ist.” (DiEn-Mitglied in einem Backstage-Interview am 28.12.2011) Demnächst soll in einem weiteren Beitrag näher auf die Erfahrungen im Zusammenhang mit diesem Konzert eingegangen und durch Proben-Videomaterial plastisch dargestellt werden.

Viele weitere Konzerte…

Dieses Video wurde am Rande eines Probenabends gedreht und zusammen mit einem ausführlichen Bericht in der Fernseh-Sendung “in.puncto” (SWR, EinPlus) am 29. 11. ausgestrahlt. Matthias Krebs und Marc Godau spielten darin auch live einige Beispiele und zeigten, wie mit Smartphones und Tablets musiziert werden kann.

Außerdem spielte das DigiEnsemble Berlin beim Innovationspreis Berlin Brandenburg ein dreiteiliges Musikprogramm sowie ein einstündiges Vortragskonzert auf dem Symposium “Wissen und Macht” des Deutschen Technikmuseums Berlin. Eine Übersicht über die Aktivitäten des Ensembles findet sich auf der neuen Homepage des DigiEnsembles Berlin.

Veröffentlichungen

App-Musik: Musizieren mit Smartphones | MusikForum 01/2012Die Konzerte des DigiEnsembles Berlin bieten ebenso wie die Workshops und Musizierstunden mit Interessierten, Schülern und Senioren eine hervorragende Plattform für Erfahrungen mit dem Musikmachen auf mobilen Geräten wie iPhone, iPod touch und iPad, aber auch anderen Smartphones. Diese werden regelmäßig in Fachzeitschriften veröffentlicht. Anfang Oktober 2011 erschien (beispielsweise) der Artikel “App-Musik: Neue Technik – Neues Musizieren” in der Zeitschrift “Üben & Musizieren”. Ende Januar erscheint der Artikel “App-Musik: Musizieren mit Smartphones” in der Zeitschrift “MusikForum”. Die Artikel stehen in einer Vordruckfassung auf Issuu zum Lesen und Downloaden zur Verfügung.

Über Fragen, Hinweise und Anregungen würde sich der Autor Matthias Krebs freuen. Er ist auch unter matthias (at) digiensemble.de erreichbar.

Mit Smartphones klassische Musik spielen: „Ostinato für 8 iPods“

DigiEnsemble Berlin - Ostinato für 8 iPods | Foto Videoaufnahme iPhone, iPad

DigiEnsemble Berlin probt “Ostinato für 8 iPods”

Mit mobilen Endgeräten wie iPod touch, iPhone oder iPad kann man gut in kleineren Gruppen musizieren. Diese Erkenntnis steht für die Mitglieder des DigiEnsembles Berlin mittlerweile außer Frage. Die ersten Proben im Januar 2011 hatten daran noch Zweifel aufkommen lassen, denn die Klangresultate auf den kleinen Geräten mit ihren winzigen bunten Musik-Apps waren anfangs alles andere als musikalisch befriedigend, ein dahinwabernder Brei von sphärischen Klängen. Zwar gab es schon eine Vielzahl von bemerkenswerten Apps zum Musikmachen, allerdings konnten die Ensemble-Mitglieder zu der Zeit auf keinerlei Erfahrung zurückgreifen, wie diese vielgestaltigen Anwendungen im gemeinsamen Spiel zu handhaben wären, um wirklich Musik erklingen zu lassen. Viele der erprobten Apps waren zunächst ungenügend musikalisch kontrollierbar oder boten nicht mehr als ein flüchtiges Erkunden von kleinen “Musikautomaten” an. Einige instrumentenartige Anwendungen wiesen zwar einen guten Klang auf, waren dafür aber spieltechnisch nur eingeschränkt musikalisch nutzbar. Inzwischen ist das DigiEnsemble Berlin (aber) auf eine immer größer werdende Auswahl von Musizier-Apps eingespielt.

Erzählt man Freunden, Freundesfreunden, Bekannten oder flüchtigen Bekanntschaften vom gemeinsamen Musizieren auf Smartphones, so erntet man als erstes meist ungläubiges Kopfschütteln. Wenn man ihnen dann die faszinierende Bedienung einiger Instrumenten-Apps und die überraschend gute Klangqualität der Smartphones vorführt, weichen in der Regel die skeptischen Blicke einem interessierten Lächeln. Bei der Gelegenheit kann auch eines der vielen Youtube-Videos über virtuose Klang-Experimente auf Handys gezeigt werden (Playlisten 1 | 2). Damit hat man den Gesprächspartner häufig schon erschlagen und er entschuldigt sich: “Ich kann ja leider kein Instrument spielen”. Darauf antworte ich: “Es gibt eine breite Auswahl. Auch ich muss jede Instrumenten-App neu lernen und bin zuerst Anfänger, das macht für mich gerade den Reiz aus. Aber Digi-Instrumente sind intuitiv zu bedienen und man erzielt schnell erste klangliche Erfolge. Mit etwas Übung kann ich dann eigene Musikstücke spielen. Am spannendsten ist es für mich, zusammen mit anderen gemeinsam zu musizieren.

DiEn | Foto: Cora-Mae Gregorschewski

Diese Szene spielt sich ganz häufig so oder so ähnlich ab. Aber Musikmachen mit Smartphones scheint immer noch auf viele einen irgendwie “nerdigen” Eindruck zu machen. Dabei beinhaltet diese Musikpraxis neben Digi-Instrumenten, wie sie das DigiEnsemble auf Konzerten einsetzt, noch viele andere Möglichkeiten des kreativen Umgangs mit musikalischen Strukturen und Klängen. Hierzu zählen zum Teil kurios wirkende Soundtoys, aber auch komplexe DJ-Controller oder mächtige Produktionsumgebungen, die in einem anderen Artikel ausführlicher beschrieben werden sollen. Die mittlerweile über 10.000 Musik-Apps habe ich hier (Link) einmal grob zu klassifizieren versucht.

Während das musikalische Aktionsfeld mit Smartphones immer größer wird und auch einige technische Probleme (noch) ungelöst bleiben, stellt sich die schwierige Frage, welche gestalterischen Prinzipien für eine Musikperformance konzeptionell oder ästhetisch sinn- und wirkungsvoll sind. Aus Sicht des Ensembles kann erst das künstlerische Experiment darüber Aufschluss geben.

Im Ensemblespiel gemeinsam auszuprobieren, wie sich das Musikmachen mit den kleinen Hosentaschen-Computern künftig gestalten kann, motiviert uns. Die sehr vielfältigen und flexibel kombinierbaren Möglichkeiten, sich mit den neuartigen Geräten musikalisch zu betätigen, sind dabei durch einige neuartige und viele herkömmliche Erscheinungsformen und Handlungsweisen bestimmt. Da hier mit den Musik-Apps ein Instrumentarium genutzt wird, dass prinzipiell jedem (im App-Store) zur Verfügung steht, existiert hier eine große Unterschied zu anderen technologiebasierten Kunstformen der Avantgarde-Kunst, die sich eher an Experten richtet und sich einer alltäglichen Nutzung eher verschließt.

DiEn | Foto vom Videodreh (Oliver Güngör, Sandra Hübner, Gösta Oelstrom, Till Rotter)

In den kommenden Tagen will das DigiEnsemble nun mit der Veröffentlichung eines umfangreichen Materials die erste Experimentierphase abschließen, in der ausprobiert wurde, wie herkömmliche Musik (St. Anna, Starlight) mit Smartphones umgesetzt werden kann. Dafür haben wir zusammen mit einem hervorragenden Team von Unterstützern, die Eigenkomposition “Ostinato für 8 iPods” von DigiEnsemble-Mitglied Uwe Schamburek so vorzubereiten versucht, dass inbesondere die Spielweise deutlich wird. Neben zwei aufwendig produzierten Videos werden auch die Noten und eine Spielanleitung des Bosso Ostinatos veröffentlicht. So dass Interessenten es gern selbst spielen können. Das Stück richtet sich insbesondere an diejenigen, die kein Instrument gelernt haben oder nur noch selten das Instrument zur Hand nehmen können. Es ist so konzipiert, dass selbst Anfängern ein einfacher Einstieg ins Digi-Musizieren ermöglicht wird.

Das Video (Lukasz Fabijanczyk) zeigt unsere Interpretation des Basso Ostinatos “Ostinato für 8 iPods”. Wie klingt eure?

Die musikalischen Versuche des DigiEnsembles werden sich in den nächsten Wochen, auf der Basis unserer systematisch gesammelten Erfahrungen, nun stärker auf neue Formen des Musikmachens fokussieren. Wir nennen es schlicht unser “September-Projekt: Auf der Suche nach der iPad-Musik” (Arbeitstitel). Dabei soll weiterhin Musik entstehen, die auch von “Nicht-Experten” gehört und geschätzt werden kann. Das Ergebnis dieser Suche präsentieren wir am 10. und 11. September in Berlin “mobil” an mehreren öffentlichen Orten in Berlin. Im November wird es mehrere Konzertveranstaltungen des DigiEnsembles Berlin in ganz Deutschland geben. Das Konzertprogramm soll dann sowohl herkömmliche Konzepte (Musik im klassischen Stil oder Band-Musik) als auch Elemente aus dem September-Projekt beinhaltet.

Wir sind gespannt auf das, was sich noch auf dem Gebiet der Digi-Musik entwickeln wird und freuen uns sehr über Anregungen (info@digiensemble.de) oder über euren Besuch bei öffentlichen Proben (DigiJam), bei denen Interessenten selbst die Digi-Instrumente ausprobieren und eigene Erfahrungen machen können.

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Wer hat darüber berichtet (Auswahl):

Bericht bei SPIEGEL ONLINE – Musik mit Smartphones (kurzfristige Stellungnahme)

Mit dem Titel “App-Musik: Hier spielt die iPhone-Band” ist am 17. Juli auf SPIEGEL ONLINE ein Artikel mitsamt einer tollen Video-Dokumentation veröffentlicht worden (Link). Das hat das Phänomen “Musikmachen mit Smartphones und Tablet-PCs” und die musikalischen Experimente des DigiEnsemble Berlin (probt an der UdK Berlin) bei einer breiten Leserschaft bekannt gemacht.

Wie viele, teilweise sehr emotional geführte Reaktionen in den Kommentaren offenbaren, bleiben zu dieser neuartigen Art Musik zu machen, noch viele Fragen offen. In diesem Blog soll sich nach und nach mit einigen der gestellten Fragen und Anregungen detailiert auseinandersetzt werden. Soviel sei aber schon jetzt gesagt: Es handelt sich (natürlich) nicht um eine Werbemaßnahme; es geht dem Ensemble nicht darum, herkömmliche Instrumente oder elektronische Anwendungen durch Smartphones zu ersetzen; es geht nicht um Klick-Zahlen bei Youtube. Den Ensemble-Mitgliedern ist auch bewusst, dass es schon seit einiger Zeit viele interessante Versuche gibt, die verschiedene interessante Möglichkeiten (Touch, Bewegung, Synchronisaton etc.) musikalisch nutzen und dass auch noch viele (auch kompliziertere/leistunsfähigere) Apps existieren.

Diese, weitere und ganz einfach zu beantwortende Fragen, wie z. B. die Apps heißen, mit denen wir im gemeinsamen Musizieren gut Erfahrungen gemacht haben, sollen in diesem Blog in Kürze ausführlicher besprochen werden.

Wer Interesse, Erfahrungen und Argumente zum Thema “Musikmachen und Musizieren mit mobilen Endgeräten” hat, ist herzlich eingeladen das Thema musizierend oder theoretisch mitzugestalten: Mitspieler, Kritik und Hinweise sind also herzlich willkommen.
Matthias Krebs

Videobeitrag SPIEGEL TV ONLINE

mEiMu – mit iPod-Touch & iPad im Musikunterricht

Am 24. Mai wurde an der Bertha-von-Suttner-Oberschule Berlin im Musikunterricht einer 8. Klasse erprobt, ob und wie mit mobilen Endgeräten – hier 10 iPod touch und 5 iPads – innerhalb einer Musik-Doppelstunde kleine Musikstücke von den Schülerinnen und Schülern komponiert und musiziert werden können. Auch wenn sich die Wogen, die sich mit dem Artikel bei Zeit-Online über das ungewöhnliche Unterrichtsprojet aufgetürmten, nun langsam wieder geglättet haben, soll auch in diesem Blog auf das (in meinen Augen) recht erfolgreiches Pilotprojekt “Mobile Endgeräte im Musikunterricht” (mEiMu) hingewiesen werden.

Das Projekt mEiMu wurde als Praxis-Inhalt für ein Einführungsseminar (Musikdidaktik) an der Universität Potsdam konzipiert. Die Studierenden sollten die Möglichkeit erhalten, ihre Unterrichtsideen mit Schülern auszuprobieren. Dafür konnte mit dem Musiklehrer Henning Wehmeyer nach dem Projekt “Musikvideos im Musikunterricht” (MuviPro) eine weitere Kooperation geschlossen werden. Die elf Studierenden bereiteten 5 verschiedene Unterrichtsszenarien vor und erprobten diese mit 30 nichts ahnenden Schülerinnen und Schülern.

Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit den neuartigen Technologien ist es nicht, traditionelle Instrumente zu ersetzen. Neuartige Technologien bieten eine andere Art mit Musik umzugehen, das wurde den Studierenden in eigenen Versuchen schnell deutlich. Wie das gemeinsame Gestalten von Musik aussehen kann, welche Problemstellungen und Chancen mit diesen Musiktechnologien verbunden sind und in welcher Weise der Begriff „Instrument“ (wieder einmal) grundlegend erweitert und neu gedacht werden muss, sollte mit dem mEiMu-Projekt einmal für den Kontext Musikunterricht also in der Praxis erkundet werden.

Das folgende Video ist ein Ergebnis der insgesamt fünf Schülergruppen. Hier wurde von den Schüler/-innen versucht, den Gefühlszustand “Trauer” musikalisch umzusetzen. Die anderen Ergebnis-Videos sowie weitere Materialien und Unterrichtsskripte können auf der Projektseite unter www.meimulab.wordpress.com gefunden werden. Dort gibt es auch kleine Hörspiele die in einer folgenden Musikstunde (Leitung: Sybille Seite und Henning Wehmeyer) aufgenommen und mit den iPod-Musiken verbunden wurden.

Charakteristisch für die Wahrnehmung der kleinen (Musik-)Geräte ist, dass sie auf den ersten Blick nicht als Musikinstrumente wahrgenommen werden. Smartphones und Tablet-PCs haben sich in den letzten Jahren zu kleinen Allzweck-Computern entwickelt. Dazu gehören auch Musik-Apps, die ein teilweise sehr intuitives Erforschen von Musik ermöglichen sowie auch sehr differenziert spielbare Instrumenten-Anwendungen bieten. Doch wer das Gerät und solch ein Instrument nicht selbst erlebt hat, dem fällt es schwer die bunten Interfaces ernst zu nehmen. Wie den Schülerinnen und Schülern, die zu Beginn des Musikunterrichts sehr daran zweifelten, ob mit den “Spielgeräten” wirklich Musik gemacht werden kann, geht es Vielen. So waren viele Leser des Artikels “App statt Blockflöte“, der am 20. Juni bei Zeit-Online veröffentlich wurde, stark irritiert, wie sich in den Kommentaren lesen lässt. Sie stürzten sich auf die kurzen Videos, sowie die pointierte Darstellung, Titel und Teaser. Interessant ist, dass aber die Jugendlichen sehr ähnlich skeptisch reagiert, wie auch auf dem Schülerportal spickmich zu lesen ist.

Welche Rolle Smartphones und Tablet-PCs in der Schule spielen werden und wie sich der Musikunterricht von einer zumeist eher analytischen Auseinandersetzung hin zu mehr gestalterischem Umgang auch mit Eigenproduktionen entwickeln wird, hängt aber letztlich an Bildungspolitik und Lehrerausbildung ab sowie natürlich nicht zuletzt am Engagement der Lehrenden und Beteiligten (Schüler und Eltern) selbst.

Auswahl an weiteren Quellen/Blogs zu dieser Thematik:

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iMusizieren: Es ist einfach, aber nicht leicht.

Am 18. April wurde endlich auch das dritte Video der Performance bei der IEB Annual Conference auf dem Youtube-Kanal des DigiEnsemble Berlin veröffentlicht und sorgt nun sogar in der (überschaubaren) mobile-music-Szene weltweit für Aufmerksamkeit. In den Videos wird aus mehreren Perspektiven die Spielweise auf den mobilen Endgeräten gezeigt. Damit sollen Einblicke gegeben werden, wie es aussehen kann, wenn eine Musikergruppe von derzeit acht Musikern mit mobilen Endgeräten wie iPod-Touch, iPad und iPhone im Ensemble musiziert.

Da es sich bei den Mitgliedern unseres Ensembles um Musikstudierende sowie professionell aktive Musiker handelt (Sänger, Streicher, Flötisten, Kirchenmusiker, Gitarristen, Trompeter mit überwiegend klassischem Ausbildungshintergrund), sind Anspruch und Erwartungen an den Klang, die Spielweise und die musikalische Qualitäten sehr hoch. Die Frage, ob das, was wir da machen, wirklich Musik sei, begleitet stets unsere Probendiskussionen. Es ist die ständige Suche nach Möglichkeiten, unsere Vorstellungen von Musik mit den mobilen Geräten umzusetzen. Eine interessante Herausforderung stellt für uns z. B. dar, verschiedene musikalische Stilrichtungen mit den im App-Store verfügbaren Musik-Apps zu realisieren.

Als systematische Leitlinie haben wir uns darauf geeinigt, im ersten Schritt “traditionelle” Stile und Genres auf den Hosentaschen-Instrumenten zu imitieren. Die jüngst auf Youtube veröffentlichten Musikstücke sind eine Auswahl, um bestimmte Merkmale wie die Bewegungssteuerung von Klangparametern (Dynamik, Tremolo, Vibrato etc.) oder das Abbilden von Bandinstrumenten in ihren Möglichkeiten und Grenzen prägnant aufzuzeigen. Im folgenden Video ist anhand der klassischen Stilkopie „St. Anna“ (Eigenkomposition) die Umsetzung einer traditionellen Spielweise zu sehen. Oder vielleicht besser gesagt, zeigt das Video, wie sich unsere Klangvorstellungen und Musiziererfahrungen auf die  Spiel- und Musizierweise ausgewirkt haben. Deutlich werden etwa die gemeinsame Phrasierung in der Gruppe sowie die differenzierte Klangsteuerung mit der anspruchsvollen Instrumenten-Anwendung ThumbJam.

Unser Ziel ist es, einerseits durch die Nachahmung von traditionellen Spielpraxen vielfältige Anknüpfungspunkte bei Interessierten herzustellen (indem wir z. B. bekannte Stücke einstudieren oder auf klassische Ausdrucksweisen zurückgreifen). Auf der anderen Seite wollen wir im ersten Schritt eine Basis zu schaffen, die es uns erleichtert, ein Strategien-Repertoire zu erarbeiten. Unsere Erfahrungen wollen wir gern teilen. Die veröffentlichten Videos wollen Mut machen, mit den heute bereits alltäglichen und weit verbreiteten Kommunikationstechnologien selbst musikalisch zu experimentieren. Darüber hinaus werden in regelmäßigen Abständen offene Probentermine an der Universität der Künste Berlin angeboten, zu denen Interessenten herzlich eingeladen sind, mit uns zusammen auf ihrem iPod, iPhone, iPad etc. Musik zu machen (Kontakt: matthias@digiensemble.de).

Bei der Erkundung der zahlreichen Instrumenten-Anwendungen hat es sich erwiesen, dass das spielerische Improvisieren zunächst keine befriedigenden Ergebnisse lieferte. Die Klangvielfalt und die große Bandbreite an diversen Spielweisen und an Möglichkeiten, Klänge zu organisieren, behinderten häufig die musikalischen Ideen der Gruppe. Hier galt es zunächst die Parameter und die Anzahl der verwandten Musik-Apps zu reduzieren. Deutlich wurde auch, dass, wenn man über das spielerische Erkunden der Musik-Apps hinausgehen und diese zum Musikmachen differenziert nutzen möchte, man letztlich auch bei den Instrumenten-Anwendungen auf den Smartphones nicht umhinkommt, sich mit den Programmen länger zu auseinanderzusetzen. Natürlich muss man dann auch die Musik-Apps sehr wohl im instrumentalen Sinne üben.

Bei der gezielten Aneignung von Instrumenten-Anwendungen auf mobilen Endgeräten stehen meist nicht etwa die Funktionen der jeweiligen Apps im Vordergrund, die in der Bedienungsanleitung nachzulesen wäre, sondern gleich der musikalische Umgang mit ihnen. Die Eigenschaft, dass Apps sich intuitiv in ihrer Funktionalität erschließen und insbesondere durch einen Nutzen bestimmt sind, ist einer der Gründe für den Erfolg der Apple-Miniprogramme. Die Handhabung ist selbst bei erfolgreichen “Profi”-Programmen auf wesentliche Konzepte reduziert. Doch der musikalische Gebrauch dieser Konzepte, die jeweils eine eigene Spielweise implizieren, muss spätestens für das Musizieren in der Gruppe an die eigenen Fähigkeiten angepasst und einstudiert werden. Im folgenden Video war insbesondere die Realisierung der solistischen Gitarrenbegleitung eine echte Herausforderung. Das vermeintlich Einfache stellt sich als gar nicht so leicht heraus!

Um zu ergründen, ob und wie man mit mobilen Endgeräten Musik machen kann, ist es allerdings der Anspruch des DigiEnsembles, über den Schritt des Nachahmens hinauszugehen. Geteilte Ansicht im Ensemble ist, dass es nicht darum gehen kann, traditionelle Instrumente wie Gitarre, Trompete und Streicher durch das graphische Pendant auf den modernen Multifunktionsgeräten zu ersetzen. Es soll und kann auch nicht darum gehen, Beethovens Klavierwerk auf der Glasplatte des iPads artistisch zu realisieren und anschließend vom  „Instrument der Zukunft“ zu sprechen. Meiner Ansicht nach wäre die Zukunft der mobile music vielmehr eine Musik, welche die spezifischen Eigenschaften der mobilen Endgeräte strukturell reflektiert. Dazu gehören die neuartigen Möglichkeiten, die sich durch das (frei gestaltbare) graphische Interface ergeben, die Klangmodulation durch das Bewegen der Geräte, der direkte (Berührung) Zugang zur Klangerzeugung und Musikgestaltung sowie auch die Möglichkeiten zur Skalierbarkeit (Anpassbarkeit) an die Fähigkeiten des Musizierenden. Außerdem besteht auch hohes Potenzial in der Synchronisierung von Geräten und in der Vernetzung über das Internet.

Die Nutzungsmöglichkeiten digitaler Kommunikationstechnologien wie das Internet, Smartphones und Tablets verändern den Umgang mit Musik in einer bisher schwer überschaubaren Art und Weise. Wir stehen hier noch am Anfang dieser Entwicklung. Durch die graphischen und bewegungsgesteuerten Schnittstellen werden einige neuartige und viele „alte“ Konzepte zur Gestaltung von musikalischen Abläufen und zum Musizieren ab Bedeutung gewinnen. Durch die spezifischen Möglichkeiten und den sich daraus ergebenden Spielraum verändert sich insbesondere bei aktiv Nutzenden das Verhältnis zu Klang und Musik grundlegend. Musizieren mit mobilen Endgeräten ist jedoch nicht die Weiterentwicklung von Musikinstrumenten, sondern bietet im Sinne einer Werkstatt neuartige Instrumente und Spielweisen an. Das Musikmachen mit mobilen Endgeräten kann vielleicht wie andere moderne Genres (z. B. elektroakustische Musik und Netzmusik) als eine Nebenentwicklung gesehen werden.

Vor dem Hintergrund, dass Lebenswelten von Heranwachsenden sich als durch und durch mediatisiert erweisen, schreibt den vernetzten Mobilgeräten als Musiktechnologien eine besondere Rolle zu. Die Schlussfolgerung, dass die Verwendung von iPads im Musikunterricht per se zum modernen Musiklernen verhilft, greift jedoch zu kurz. Wenn der Umgang mit Musik im Unterricht (in sog. iPad-Klassen) allein darauf reduziert würde, virtuelle Gitarrenseiten nach einem Akkordschema optisch zum Schwingen zu bringen, dann hätten diese Aktivitäten nicht viel mehr als aktionistischen Charakter. Der Einsatz von mobilen Endgeräten im Musikunterricht als bloßer Ersatz für Klavier, Keyboard und Musikbuch kann nicht die Zukunft der Musiklehre sein und keine Vorteile gegenüber den bewährten Lehrmitteln bieten. Um herauszufinden, welchen Nutzen diese neuartigen Musiktechnologien bieten, müssen die Stärken dieser Kommunikationstechnologien ergründet sowie sinnvolle Konzepte für die Musikvermittlung erprobt werden. Die neuartigen medialen und technologischen Strukturen erfordern auch die Neuentwicklung von Forschungsmethoden.

Trotz dieser kritischen Bemerkungen sei aber darauf hingewiesen, dass bei den Proben des DigiEnsembles durchaus inspirierende musikalische Erfahrungen gemacht wurden. Im Suchprozess lassen sich zudem eine ganze Reihe grundlegender Strategien der Musikaneignung im Selbstversuch nachvollziehen. In den nächsten Schritten wollen wir erkunden, wie originäre Musik auf mobilen Endgeräten (mobile music) klingt; wie gemeinsames Musizieren stattfinden kann; in welchen Situationen die Form der musikalischen Betätigung bedeutsam werden kann; welche neuartigen Konzepte der Musik-Apps sich für die Gestaltung von Musik anbieten; unter welchen Bedingungen Musik auf den Geräten gemacht wird; und nicht zuletzt, inwieweit Musiklernen mit diesen Anwendungen stattfindet und damit sinnvoll unterstützt werden kann. An der Universität Potsdam wird dazu im Sommersemester 2011 auch das musikpädagogische Proseminar „Musikmachen mit Handys“ angeboten, worin u. a. Unterrichtsideen mit mobilen Endgeräten im Schulunterricht erprobt werden.

In einem folgenden (Blog-)Artikel sollen die Erfahrungen bei der Erarbeitung des Stückes “St. Anna” im klassischen Stil reflektiert werden.

Mit herzlichen Grüßen, Matthias Krebs

Auswahl an Blogs, in denen die Videos gezeigt wurden (siehe auch die Blogkommentare):

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